Dienstag, 13. März 2012

Die Grundlage jeder Erneuerung: Der Glaube (11)

Prof. DDr. Josef Seifert  (1976)

Fortsetzung Teil 11

Glaube und Liebe

Angesichts dieser verhängnisvollen und im letzten diabolischen Entwicklungen, die für sich selbst den Anspruch der "Erneuerung" erheben, müssen wir uns des Ernstes der Lage bewußt und uns über unsere Aufgabe klar werden. Sie besteht darin, daß wir diese satanische Zerstörung des Glaubens abweisen und ihr die Maske vom Gesicht reißen, daß wir mit den Waffen des Geistes, vor allem in uns selbst, gegen sie kämpfen.

Wir müssen vor allem und nun erst recht, die wahre fides caritate formata ( Anm.: der Glaube, der durch die Liebe zur vollendeten Wirklichkeit gebracht wurde) in uns wachrufen, die das Fundament jeder echten Erneuerung ist. Wir müssen uns ganz der inneren Bedeutung der Wahrheit der fides quae creditur (Anm.: des Glaubensinhaltes) bewußt werden. Wir müssen ihre unendliche Leuchtkraft vor Augen haben. Wir müssen nun erst recht von Grund unseres Glaubens das "Sanctus" sprechen und die heilige Messe Gott aufopfern, damit Er verherrlicht werde in Seiner heiligsten Dreifaltigkeit.

Wir haben uns mit Furcht und Zittern der Tatsache zu stellen, daß wir mit anderen zusammen jeden Tag dem Richter von furchtbarer Majestät näher kommen. Wir müssen in der Kraft der Liebe für die Bekehrung der Sünder beten und um ein Leben ringen, für das der Glaube in all seinen Dimensionen Fundament und Quelle ist.

Wahre Erneuerung ist nur möglich durch den wahren Glauben; ja, sie ist in erster Linie Erneuerung des Glaubens und Erneuerung im Glauben. Und wie der Glaube immer von der Liebe beseelt sein muß, so muß jede Erneuerung aus der Liebe wachsen. "Fides inutilis erit et quasi mortuum aliquid nisi dilectione valeat et vivat" sagt der hl. Anselm (Monologion, LXXVIII: 16-22): "Der Glaube wird nutzlos sein und gleichsam tot, wenn er nicht Kraft und Leben von der Liebe erhält."

Es muß also jede echte Erneuerung von der Liebe beseelt sein, von der Liebe zuerst, in der wir Gott über alles lieben, von der Liebe, die uns die Sünde hassen und dem Bösen widersagen läßt, von der Liebe, die stark ist wie die Liebe Christi, als er das Haus Seines Vaters von den Wechslern säuberte.

Wir sollten darum beten, daß besonders die Hirten der Kirche, vor allem unser Heiliger Vater und unsere Bischöfe mit dieser heiligen Liebe erfüllt werden - sie ist die einzige Quelle ihrer Kraft.

Diese Liebe allein wird uns befähigen, auch unsern Nächsten zu lieben; sie allein formt unsere natürlichen Liebes- und Lebensbeziehungen um in das Leben Christi; sie allein gibt uns Ausdauer in den oft so quälenden Prüfungen und Versuchungen, denen wir ausgesetzt sind. Nur in der Liebe zu Dem, der Seines eingeborenen Sohnes nicht geschont hat, werden wir ausharren bis ans Ende.

Diese aus dem rechten Glauben geborene Gottesliebe ist auch die einzige Kraft, aus der wir "mit den Waffen des Geistes die Übel der falschen Erneuerung bekämpfen können. Nur diese Waffen werden letzten Endes entscheidend sein im Kampf gegen die "Mächte der Finsternis", die sich heute hinter den zerstörerischen Machenschaften der "Erneuerung" verbergen.

Einzig der aus Liebe geborene Geist der Erneuerung wird uns vor Niedergeschlagenheit und Bitterkeit bewahren, die uns so leicht befallen, wenn wir die kirchliche Situation vom rein menschlichen Standpunkt aus betrachten.

Diese schmerzliche Entmutigung überwinden wir  nur, wenn wir im Glauben unsere Augen zu Gott erheben und zu seiner unbefleckten Braut, der Kirche. Sie verbleibt, trotz ihrer Wunden, in ihrer übernatürlichen Glorie und Schönheit, und immer noch gilt für sie Christi Wort: "Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen."


Übernatürliche Hilfen

Mit einem tiefen ehrfürchtigen Staunen vor den übernatürlichen Wirklichkeiten und mit entschiedener Zurückweisung einer rein immanentistischen Bibelerklärung, die sie als ein Buch wie andere auch behandelt, müssen wir unsere Augen öffnen für die Wahrheit der heiligen Schrift.

Nur in dieser Haltung wird uns der wesentliche Gehalt der Offenbarung aufgehen und uns erschüttern. Nur so wird uns der machtvolle Glaube erfüllen, der uns die Engel und Heiligen, Schar um Schar, im Himmel sehen läßt, mit denen zusammen wir unter dem Schutzmantel der Königin aller Heiligen und Engel den einen mystischen Leib Christi bilden. Und so werden wir, auch wenn wir angesichts der uns bedrängenden Übel mit den Aposteln ausrufen möchten: "Herr, wir gehen zugrunde!", all der übernatürlichen Hilfen und Helfer gewahr werden, die uns gegeben sind.

In einem Text, der früher in der Matutin des Schutzengelfestes (2. Oktober) gelesen wurde, spricht der heilige Bernhard von Clairvaux von einer dieser übernatürlichen Hilfen, die leider zu oft vergessen wird, aber gerade für diese Zeit ganz wichtig ist: von der Verehrung der heiligen Engel.

Und mit dieser Betrachtung über eine Andacht, die gerade in unseren Tagen, da der Satan selbst innerhalb der Kirche am Werk zu sein scheint, höchst zeitgemäß ist, möchte ich diese Ausführungen beschließen. Wie jede gesunde Frömmigkeit bezieht sich auch die Verehrung der heiligen Engel letztlich auf Gott; sie hat ihre Wurzeln in dem Glauben, auf den vor allem andern sich, wie auf einen Felsen, jede wahre Erneuerung stützen muß.

Der heilige Bernhard schreibt:

" 'Er hat seinen Engeln befohlen deinetwegen.' O wunderbare Herablassung, wahrhaft staunenswerte Fürsorge der ewigen Liebe! Denn wer hat wem befohlen, und wessentwegen, und was hat er befohlen? Mit allem Eifer, Brüder, laßt uns diesen großen Auftrag betrachten und unserem Gedächtnis einprägen. Denn wer hat befohlen? Wessen Engel sind es? Wessen Geboten, wessen Willen gehorchen sie?

Nun, Seinen Engeln hat Er befohlen deinetwegen, daß sie dich behüten auf all deinen Wegen. Und sie zögern nicht, dich auf ihren Händen zu tragen. Also, die höchste Majestät hat den Engeln befohlen, ihren Engeln hat sie befohlen. Jenen so erhabenen, so glückseligen, ihr so eng verbundenen und vertrauten Wesen hat er deinetwegen befohlen.

Wer bist du denn? Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst?  Daß du dich seiner annimmst? Als wäre der Mensch nicht Fäulnis, und der Sohn des Menschen ein Wurm? Und dennoch, was hat Er befohlen? Daß sie dich behüten! Welch große Ehrfurcht muß dir dieses Wort einflößen, welche Ergebenheit, welches Vertrauen! Ehrfurcht vor ihrer Gegenwart, Ergebenheit wegen ihres Wohlwollens, Vertrauen auf ihren Schutz! (...)

So laßt uns denn Brüder, von Herzen Seine Engel lieben, die einstmals unsere Miterben sein werden, bis dahin aber unsere Sachwalter und Beschützer, uns vom Vater bestellt und über uns gestellt. Was sollten wir noch fürchten unter solchem Schutz?

Die uns behüten auf all unsern Wegen, können weder besiegt noch verführt werden, erst recht nicht verführen. Treu sind sie, klug sind sie, mächtig sind sie - wovor sollten wir zittern? Wir brauchen ihnen nur zu folgen, uns an sie zu halten, dann wandeln wir im Schutz unseres Gottes im Himmel.

Wann immer dich also die furchtbare Versuchung bedrängt, wann immer die harte Prüfung droht: rufe deinen Beschützer an, deinen Führer, deinen Helfer zur rechten Zeit, in jeglichem Ungemach! Schreie zu ihm und sprich: Herr, hilf uns, wir gehen zugrund!"


Prof. Josef Seifert:
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