Samstag, 10. März 2012

Der Bauer von Ars

von  P. Bernward Deneke FSSP

Der heilige Pfarrer von Ars geht durch seine Kirche. In einer Bank nimmt er, wie so oft schon, einen einfachen Bauern wahr, der stundenlang dort verweilt, ohne Buch oder Rosenkranz in den Händen, aber den Blick unablässig zum Altar gewandt. Der Pfarrer fragt ihn: „Was tust du denn hier die ganze Zeit über?“ Die Antwort: „Ich schaue Ihn an, und Er schaut mich an. Das ist genug.“

Ein erstaunliches Wort. Wenn wir bedenken, wie wir auch spannender Unterhaltung recht bald einmal überdrüssig werden! Doch über lange Zeit hin einfach nur zum Altar zu schauen und daran Genüge zu finden, und das nicht nur ein einziges Mal, sondern immer wieder, während vieler Wochen, Monate, Jahre – das ist mehr als ungewöhnlich.

Hinzu kommt, dass dieser einfache Mann eigentlich niemanden sehen kann, den er anschaut und von dem er angeschaut wird. Seine Antwort legt keine visionären Erlebnisse nahe, und auch für die Vermutung, der Bauer huldige vielleicht unbewusst einer Art fernöstlicher Versenkungsmystik, gibt es keinen Grund. Die knappe Auskunft: „Ich schaue Ihn an, Er schaut mich an“ lässt vielmehr erkennen, dass er sich einer wirklichen Person zuwendet. Diese nimmt er zwar nicht mit leiblichen Augen wahr, doch die gläubigen „Augen des Herzens“ (Eph 1,18) erkennen Ihn ganz deutlich: Jesus Christus, gegenwärtig im Sakrament des Altares. ER – und niemand sonst – ist es, von dem der Bauer derart in Bann geschlagen ist, dass er stundenlang an seinem Platz in der Kirche ausharrt.

In unseren Tagen blickt man gerne auf die „Tabernakelfrömmigkeit“ früherer Zeiten herab. Spöttisch lächelnd werden gewisse Redensarten der letzten Jahrhunderte (wie die vom „Gefangenen des Tabernakels“, den wir besuchen und trösten sollen) als Beispiele einer längst überwundenen Haltung angeführt. Spätestens die liturgischen Reformen der 60er und 70er Jahre hätten dem ein Ende bereitet, und man richte bei der Eucharistie die Aufmerksamkeit jetzt nicht mehr isoliert auf die Realpräsenz Jesu, sondern im Sinne einer ausgewogenen „theologischen Einbettung“ lege man den Akzent verstärkt auf die kirchlich-gemeinschaftliche Dimension.

Ob es sich hierbei um Erfolgsnachrichten handelt? Ich wage daran zu zweifeln. Denn wenn es stimmt, dass im Altarsakrament derjenige gegenwärtig ist, vor dessen himmlischem Thron Tag und Nacht das Dreimalheilig der Engel erklingt und die Erlösten anbetend niederfallen (vgl. Apk 4) – wie könnte man dann als gläubiger Mensch achselzuckend über diese Tatsache hinweggehen oder sie mit einem distanziert-sachlichen Hinweis auf eine ausgewogene „theologische Einbettung“ an den Rand schieben?

Glücklicherweise entspricht die Behauptung, die „Tabernakelfrömmigkeit“ gehöre der Vergangenheit an, auch gar nicht den Tatsachen. Zwar ist das Bewusstsein von der Realpräsenz im Kirchenvolk leider weithin verschwunden; mancherorts beugen die Gottesdienstbesucher beim Betreten der Kirche kaum noch die Knie, von einem anbetenden Verweilen vor dem Allerheiligsten ganz zu schweigen. Aber gleichzeitig zeichnet sich ein entgegengesetzter Trend ab: Zahlreiche Menschen, darunter viele junge, verspüren die Anziehungskraft, die von Jesus im Sakrament ausgeht, und suchen in wachsendem Maße die eucharistische Anbetung.

Allerdings findet der Bauer von Ars auch unter ihnen für gewöhnlich wenige Nachahmer. In öffentlichen Anbetungsstunden wird oft pausenlos laut, manchmal sehr laut gebetet und nur selten eine Unterbrechung von einigen Minuten einberaumt. (Mehr könne man den Gläubigen nicht zumuten, lautet die vielsagende Erklärung.) Auch diejenigen, die eine stille Anbetung aufsuchen, haben selbst vor dem ausgesetzten Sakrament nichts Eiligeres zu tun, als sogleich den Rosenkranz oder ein Gebetbuch zu zücken. Nichts gegen den Rosenkranz und Gebetbücher. Aber wäre es denn nicht angemessen, das unaussprechliche Geheimnis zunächst einmal schweigend zu ehren, um so in die Tiefe einer lebendigen Begegnung mit dem Herrn zu gelangen?

Wir sollten lernen, die Stätte seiner Gegenwart als einen Ort wahrer Freiheit zu betrachten, an dem wir uns auch von religiösem Pflichtdruck („...was ich noch alles zu beten habe!“) freimachen dürfen. Wenn wir gläubig zu Jesus aufblicken und uns von ihm angesehen wissen, führt er uns heraus aus dem unruhigen Auf-und-ab einer zerrissenen Welt, hinein in die Geheimnisse der Welt Gottes. Und stärkt uns gerade dadurch für unsere Aufgabe in dieser Welt. Warum sollten nicht auch wir eines Tages mit jenem Bauern sprechen können: „Ich schaue Ihn an, Er schaut mich an. Das ist genug“?  



Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)

Kommentare:

  1. „Mehr könne man den Gläubigen nicht zumuten, lautet die vielsagende Erklärung.“ Mit anderen Worten bzw. als vorsichtige Frage formuliert: kann man selbst die Stille nicht ertragen, um „das unaussprechliche Geheimnis zunächst einmal schweigend zu ehren, um so in die Tiefe einer lebendigen Begegnung mit dem Herrn zu gelangen“?

    Danke für diesen wunderbaren Artikel!

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