Samstag, 4. Februar 2012

Bewundern und Nachahmen

von P. Bernward Deneke FSSP

Manche Taten der Heiligen sind mehr zu bewundern als nachzuahmen, sagt ein altes kirchliches Sprichwort. Es sind mir schon engagierte Christen begegnet, die an dieser Aussage Anstoß nahmen. Ihnen erschien sie als bedenkliche Abschwächung der Vorbildfunktion unserer Heiligen, als eine Art Freibrief für religiöse Mittelmäßigkeit.

Wenn jene Menschen, denen die Kirche einen heroischen Tugendgrad zuerkennt, in ihren Taten nur bewundert, nicht nachgeahmt werden sollten, dann mache man sie zu entrückten Kultgegenständen, denen wir aus der Ferne unsere staunende Verehrung darbringen, die aber mit unserem Leben nicht viel zu tun haben. Eine sehr bequeme Art von Frömmigkeit!

Stattdessen, so sagen die Kritiker des angeführten Sprichwortes, sind die Heiligen die wahren und eigentlichen Christen. „Ein Christ, der kein Heiliger ist, ist ein Schwein“, bemerkte der französische Schriftsteller Léon Bloy. Und so stellen die Heiligen, diese exemplarischen Jünger des Herrn, naturgemäß ein Gericht über Lauheit und Angepasstheit der Durchschnittschristen dar.

Sie sind ein lebendiger Aufruf an uns, endlich aufzuwachen, aufzustehen aus der Haltung des „Herr-Herr“-Sagens (Mt 7,21), uns aufzumachen, um vom bloßen Hören des Wortes zum Vollbringen überzugehen (Jak 1,22). Ihre Existenz mahnt uns, ernst zu machen mit der Forderung: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ (Mt 5,48)

Welchen Sinn hätte der Blick auf die Heiligen für uns, wenn er uns nicht klar und zuweilen auch schmerzlich daran erinnerte, dass wir in der Kraft der Gnade zu Größerem fähig wären, hätten wir nur den aufrichtigen, entschiedenen Willen dazu? Nein, Bewunderung ist zu wenig, Nachahmung tut not!

Auf dem Hintergrund der allgemeinen Erschlaffung des geistlichen und asketischen Strebens bei vielen Christen sind solche Einwände nur allzu begreiflich. Tatsächlich kann das Sprichwort ja zur Relativierung der strahlenden Glaubenszeugen und als Beschwichtigungsformel für uns selbst benutzt werden.

Es fragt sich nur, ob ein solches Verständnis der Aussage gerecht wird und nicht in Wahrheit ein Missverständnis ist. Jedenfalls stellen wir bei genauerem Hinsehen fest, dass hier keineswegs behauptet wird, „die Heiligen“ seien nicht nachzuahmen. Auch von ihren Taten wird das nicht allgemein gesagt, es ist hingegen nur von „manchen Taten der Heiligen“ die Rede. Somit wird die Vorbildlichkeit herausragender, kirchlich verehrter Menschen als solche keineswegs in Frage gestellt. Im Gegenteil!

Die Heiligen lassen sich mit Kunstwerken vergleichen, die aufgrund ihrer handwerklichen Könnerschaft, ihrer Inspiriertheit und Formvollendung „klassisch“ genannt zu werden verdienen und ganzen Epochen als maßgeblich gelten. Keinem echten Künstler kann aber daran gelegen sein, von ihnen eine Kopie zu erstellen, indem er sie detailgetreu imitiert. Stattdessen wird es ihm darum gehen, am Geist und an bestimmten Grundgesetzen dieser Schöpfungen Maß für sein eigenes Schaffen zu nehmen.

Ganz ähnlich nun verhält es sich mit den Heiligen, den „Klassikern“ des christlichen Lebens: Auch bei ihnen richtet sich die primäre Nachahmung nicht auf einzelne Taten, sondern auf das Wesen der christlichen Vollkommenheit, die in ihnen aufscheint. Sie ist bekanntlich in der Herz, Seele, Gemüt und alle Kräfte umfassenden Liebe zu Gott und zum Nächsten zu finden (Mt 22,37f.), und nicht etwa in einzelnen noch so heroischen Taten.

Weil und insofern sie die Imitatio Christi – die Nachfolge und Nachahmung Christi – gelebt haben; mehr noch: Weil und insofern der Herr selbst in ihnen gelebt und durch sie gewirkt hat, sind und bleiben die Heiligen unsere wichtigen Vorbilder. Jeder von ihnen stellt eine oder einige Seiten jener Überfülle, die im menschgewordenen Gottessohn wohnt, in ein besonderes Licht und ist dadurch eine lebendige Auslegung des Evangeliums.

Daher ist dann auch nicht nur ihre Heiligkeit an sich, sondern ebenso ein großer, ja gewiss der weitaus größte Teil ihrer Taten nachahmenswert, denn in ihnen offenbart sich die Kraft des Glaubens, der in der Liebe wirkt (Gal 5,6). Es ist, als sprächen diese Taten zu uns: „Gehe hin und tue desgleichen!“ (Lk 10,37)

Aber (und hier kommt nun doch das notwendige „Aber“!): Manche Taten der Heiligen sind eben nicht allen, zuweilen sogar fast niemandem zur Nachahmung zu empfehlen. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen: Jahrzehntelang stehend auf einer Säule zu verbringen wie der heilige Simeon der Stylit (+ 459); gleich dem heiligen Franziskus von Assisi (+ 1226) jegliche Berührung mit dem Geld zu vermeiden; seine Ehefrau mitsamt den 10 Kindern zurücklassend in die Einsamkeit zu gehen wie der heilige Bruder Klaus (+ 1487); das Tagesprogramm der heiligen Rosa von Lima (+ 1617) zu übernehmen, bestehend aus 12 Stunden Arbeit, 10 Stunden Gebet und 2 Stunden Schlaf; sich regelmäßig bis aufs Blut zu geißeln und fast nur schimmelige Kartoffeln zu essen wie der heilige Pfarrer von Ars (+ 1859) – niemand wird doch wohl ernsthaft behaupten wollen, solches sei einfachhin zu imitieren!

Aber bewundernswert ist das alles durchaus.
Somit spricht viel Klugheit aus dem alten Sprichwort, und wir tun gut daran, das nachzuahmen, was an unseren Heiligen und in ihrem Leben wirklich wesentlich ist.


Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)
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