Samstag, 21. Januar 2012

Priestermangel und berufungsfreundliches Klima

von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad

Keine Frage: Der gegenwärtige Priestermangel gibt zu schweren Gedanken Anlass. Und vielerorts auch zu gezielten Überlegungen, wie sich kirchliches Leben zukünftig mit weniger Priestern gestalten lasse.

Manche prominenten Stimmen aus dem höheren Klerus und der Theologenschaft erblicken in der Situation eine historische Chance. Jetzt sei es endlich an der Zeit, das angeblich allzu priesterorientierte Kirchenbild durch ein neues Modell zu ersetzen, in dem die vielfältigen Dienste der Verkündigung und der Liturgie noch mehr als bisher in die Hände und die Verantwortung der Laien gelegt werden könnten.

Ginge man zugleich daran, das Priestertum selbst entschieden zu reformieren, vor allem die Frage des Zölibates und der Weihe von Frauen nochmals zu überdenken, dann werde sich gewiss bald auch der Mangel einstellen und das kirchliche Leben eine neue Vitalität erlangen.

So überzeugend derartige Überlegungen klingen mögen: Sie werden den Realitäten nicht gerecht. Sie beruhen ja auf der Annahme, am Fehlen priesterlicher Berufungen trage die bisherige Auffassung der Kirche die Schuld. Nur durch gezielte Anpassung des Lehrens und Lebens an die modernen Gegebenheiten lasse sich das ansonsten unabwendbare Schicksal überwinden.

Nach meiner Einschätzung, die auf zahlreichen Beobachtungen beruht, verhält es sich aber genau umgekehrt: Nicht die starke Betonung des Priestertums und seiner Unersetzbarkeit ist für den Priestermangel verantwortlich zu machen, sondern die theoretische und praktische Relativierung und Verdrängung des Weihesakramentes.

An welchen Orten nämlich erwachen, wachsen und blühen denn in unseren Tagen noch Priesterberufungen? Etwa in den besonders „fortschrittlichen“ Pfarreien? Dort, wo man eine konsequente Anpassung an den Zeitgeist betreibt und immer weitergehende Reformen anvisiert? Wohl kaum. Vielmehr findet man – von Ausnahmen abgesehen – Berufungen regelmässig dort,

- wo nicht ein menschlich zurechtgestutztes Auswahlchristentum mit bequemer Allerweltsmoral, sondern der Glaube in seiner ganzen Fülle, Verbindlichkeit und Schönheit verkündet wird;

- wo man die „typisch katholischen“ Inhalte (Kirche, Messopfer, Sakramente, Maria und die Heiligen...) nicht schamhaft ausklammert, sondern freudig betont;

- wo bewährte Frömmigkeitsformen (eucharistische Anbetung, Rosenkranz, Kreuzweg, Prozessionen, Wallfahrten...) nicht als altes Gerümpel entsorgt, sondern vielmehr auf geisterfüllte Weise gepflegt werden;

- wo man im Priester nicht einen austauschbaren Funktionär, einen Animateur der Gemeinde oder Sozialarbeiter sieht, sondern den Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes (1 Kor 4,1), der in der heiligen Weihe mit dem unauslöschlichen Prägemal des Herrn bezeichnet und dadurch bevollmächtigt wurde, das Messopfer darzubringen und die Gnaden der Erlösung auszuspenden;

- wo man die ehelose Lebensform des Priesters nicht beständig hinterfragt und bekrittelt, sondern als besonderen Ausdruck der Nachfolge Jesu und als ein Geschenk für die Kirche dankbar bejaht;

- wo das priesterlich-apostolische Wirken nicht durch einen Wust an Verwaltungs- und Sitzungsverpflichtungen eingeengt wird, sondern sich hingebungsvoll und frei entfalten kann;

- wo die menschliche und religiöse Entwicklung der Kinder nicht dem Zufall, der Umwelt oder auch der Schule überlassen wird, sondern Eltern sich bemühen, wirkliche Vorbilder zu sein und durch eine ebenso liebevolle wie konsequente Erziehung reife und kraftvolle christliche Persönlichkeiten heranzubilden;

- wo man sich nicht aufs Jammern und Klagen verlegt, sondern den Herrn der Ernte bittet, dass Er Arbeiter in Seinen Weinberg sende (Mt 9,38) und dieses Anliegen auch durch konkrete Opfer unterstützt...

Viele angebliche Reformvorschläge zur Überwindung des Priestermangels würden diesen nur noch verstärken und das Weihepriestertum in größte Gefahr bringen. Echte Reform hingegen bestünde darin, ein berufungsfreundliches Klima im beschriebenen Sinne zu schaffen. Das ist die dringende Aufgabe der Kirchenleitung und der Priesterschaft, aber auch der Familien und jedes einzelnen Gläubigen!


Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)



Schreiben von Papst Benedikt XVI. zum Beginn des Priesterjahres anlässlich des 150. Jahrestag des "Dies natalis" von Johannes Maria Vianney (bitte HIER klicken!)

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