Freitag, 13. Januar 2012

Der "Mythos vom modernen Menschen" (Forts.)

Der folgende Text ist Teil eines Aufsatzes ( "Die Grundlage jeder Erneuerung : der Glaube") des Philosophen und Autors Josef Seifert (geb. 1945), der bereits 1976 in der katholischen Monatszeitschrift "DER FELS" erschienen ist. Prof. Seifert ist u.a.  (Gründungs-)Rektor der Internationalen Akademie für Philosophie (IAP) in Liechtenstein.


Einen vorangehenden Teil des Textes finden Sie unter: 


Ein zweites Grundelement dieses Mythos besteht darin, die Überzeugunen der dümmsten heute lebenden Menschen zur "Norm" dessen zu erklären, was der moderne Mensch glauben soll. ("Dummheit" ist hier im Sinn der biblischen "stultitia" (Torheit) zu verstehen, womit die Blindheit des Intellektes als Folge des bösen Willens gemeint ist. Auch ein Wesen höchster Verstandeskraft, sogar Luzifer, kann in diesem Sinn als "dumm" bezeichnet werden. Beim Menschen ist allerdings diese biblische "Torheit" oft verbunden mit einem Mangel an Intelligenz.)

Ein Jesuit, der in der römischen Kongregation zum Studium des Atheismus eine führende Rolle spielt, verglich in einer Vorlesung in Salzburg die Auffassungen des modernen Menschen mit der Äußerung eines russischen Astronauten, der in Rom gesagt hatte: "Wenn sie einem Menschen von heute genügend Zeit und genügend Geld geben, so bringt er alles fertig."

Nun, es liegt auf der Hand, daß nur ganz unkritische Menschen eine solche Auffassung teilen können. Es ist völlig evident, daß all unser Geld uns nichts hilft im Angesicht des Todes. Wir können mit Geld und Zeit das wunderbare Geschenk des Lebens nicht bezahlen, weder für uns selbst noch für andere, etwa für Verstorbene, die wir geliebt haben und noch lieben.

Es ist ebenso offenbar, daß Geld und Zeit einem Krebskranken oder sonst einem unheilbar Kranken keine Genesung und Erholung zu bringen vermögen. Ebensowenig können wir uns selber eine höhere Intelligenz geben, unsere Schuld austilgen oder uns selbst Vergebung zusprechen, auch wenn wir allen Reichtum der Welt besäßen und unegrenzt viel Zeit.

Man will uns einreden, daß dieser mythische "moderne Mensch" unfähig sei, an Wunder zu glauben, an irgendeine übernatürliche Wirklichkeit, an einen transzendenten Gott, usw.

Nun, ich leugne keineswegs, daß es viele moderne Menschen gibt, die mehr oder weniger dieser Vorstellung entsprechen, jene etwa, die den Inseraten der Versicherungsgesellschaften und Stellenvermittlungen abnehmen, sie könnten in diesem Leben einfach alles erreichen, was sie zum vollkommenen Glück benötigen, und hätten deswegen keine Religion notwendig, frei von allem Übel, wie sie sich wähnen.

Trotzdem hoffe ich, daß diese moderne "Dummheit" nicht für den größten Teil der Menschheit charakteristisch ist; noch weniger kann sie zur Norm für die heute lebenden Menschen erhoben werden. Es gibt auch heute noch viele, die sich ihrer Grenzen und ihrer Erlösungsbedürftigkeit bewußt sind; es gibt noch viele, die die machtvollen Zeichen der übernatürlichen Wirklichkeit begreifen; es gibt viele andere, deren Verständnis tief genug geht, um mit ihrer natürlichen Vernunft die Existenz Gottes und folglich die Möglichkeit von Wundern einzusehen.

Aber sehen wir einmal ab von den Menschen, die gläubig sind - es gibt auch andere Gruppen, die nicht in dieses Schema passen: wir begegnen heute vielen, die bei Drogen ihre Zuflucht suchen, die Selbstmord begehen, die den Teufel anbeten und spiritistischen Sekten angehören, die den Astrologen Glauben schenken usw.; kurzum, es gibt eine Menge Leute, die ganz offensichtlich gerade nicht unter die Rubrik des sogenannten modernen Menschen fallen, für den alle Probleme mit wissenschaftlichen und natürlichen Hilfsmitteln lösbar sind.

So stellt es sich dann heraus, daß die Weltanschauung des "modernen Menschen" in Wirkichkeit nichts ist als die Überzeugung und Irrtümer einiger weniger moderner Menschen und überdies Ansichten, die meistens von albernen Menschen seit Jahrtausenden vertreten wurden.

Sobald wir jedoch begriffen haben, daß nicht nur nicht alle heutigen Menschen die erwähnten Ansichten teilen, sondern vor allem, daß diese Ansichten falsch sind, wird es absolut klar, daß die uns gestellte Aufgabe der Erneuerung auf keinen Fall darin bestehen kann, die göttliche Offenbarung an das Schema dummer moderner Irrtümer anzupassen. Eine solche "Erneuerung" wäre eindeutig eine Zerstörung des Glaubens, ein Verrat an Christus und der schlimmste Dienst, den wir heute lebenden Menschen erweisen könnten, gerade wenn sie von solchen Irrtümern eingenommen sind.

Somit kann die wahre Erneuerung, die heute gefordert ist, nur bedeuten, daß wir mit aller Klugheit und Liebe diese und ähnliche Irrtümer widerlegen, bekämpfen und Wege suchen, um Geist und Sinn der modernen Menschen dem Licht der unveränderlichen Offenbarungswahrheit zu öffnen.

Wir müssen ihnen entdecken helfen, daß Gott existiert; daß ein Leben ohne Gott sich nicht selbst genügt, sondern zur Verzweiflung führt; weiter, daß ihnen eine unendliche Liebe angeboten ist, die sich in der Erlösung durch Jesus Christus offenbart hat; daß auch an sie sich das Wort Gottes richtet: "Adam, wo bist du?" und schließlich, daß sie einst vor dem "rex tremendae maiestatis" erscheinen müssen, vor dem "König voll furchtbarer Majestät".

Hier finden wir also ein wichtiges Kriterium für die Unterscheidung von wahrer und falscher Erneuerung: die wahre Erneuerung ist die ständig erneuerte Kenntnis der unveränderlichen Offenbarungswahrheit, die ständig wachsende Kenntnis von ihrem Inhalt, die beständige Zustimmung zu jedem Teil dieser von der Kirche unfehlbar gelehrten Wahrheit.

Alle Versuche hingegen, ob sie nun offen oder mit schönen Worten getarnt geschehen, die Offenbarung an die Irrtümer unserer Zeit anzugleichen durch "Neuinterpretationen", stellen jene Art von Erneuerung dar, gegen die St.Paulus sein Anathema ausgesprochen hat - eine Verurteilung, die sogar für den Fall gilt, wenn der Irrtum durch einen Engel vom Himmel verkündet würde. Solche Versuche der Anpassung sind auch das gerade Gegenteil der Liebe, weil sie die Seelen der Wahrheiten berauben, die notwendig sind zu ihrem Heil.


aus: Reihe Christentum 1, Josef Seifert: Die Grundlage jeder Erneuerung: der Glaube; (urspr. in "FELS", Jg. 1976, Nr. 1 / 2 ); Hrsg. Engelbert Recktenwald (s. Kath-info)

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