Montag, 23. Januar 2012

Der kämpfende Mensch (5)

Josef Seifert  (1975)

Fortsetzung, Teil 5

Gottesstaat und Teufelstaat

Augustinus hat ein großes Panorama dieses Kampfes in seinem Werk "De civitate Dei" entworfen; er spricht von den zwei Städten oder Reichen, die sich erbittert bekämpfen, freilich nicht so, daß sie sich säuberlich und sichtbar voneinander grtrennt gegenüberstehen, sondern so, daß Gottesstaat und Weltstaat nebeneinander und durcheinander existieren, wobei der Gegensatz und der Riß durch die sichtbaren Gemeinschaften, ja durch den einzelnen Menschen hindurchgeht, bis das Weltgericht die endgültige und ewige Scheidung bringt.

Letztes Ziel und Grundgesetz des Gottesstaates ist der "amor Dei usque ad contemptum sui", wie Augustinus es einmal ausdrückte: "die Liebe zu Gott, bis zur Verachtung seiner selbst, bis zur Absage an sich selbst", dort nämlich, wo man in Widerstreit zu Gott gerät. Im Staat des Teufels hingegen herrscht ein "amor sui usque ad comtemptum Dei", eine perverse Selbstliebe, die bis zur Verachtung, bis zum Haß gegen Gott geht.

Wenn wir von diesem Glauben, von diesem durch Vernunft und Erfahrung überreich bestätigten Glauben ausgehen, so begreifen wir den ungeheuren, den absoluten Ernst des Kampfes, in den wir hineingestellt sind.

Es ist einmal der Ernst des Sittlichen an sich, über das schon Sokrates sagt, daß die Ungerechtigkeit ein größeres Übel ist als alle anderen Übel; selbst wenn man aus der Stadt gestoßen und gekreuzigt oder in Pech gesotten würde, so sei das besser als Unrecht zu tun, als sich des sittlich Bösen schuldig zu machen; und umgekehrt ist das größte Gut für den Menschen eben das sittlich Gute, das an den unendlich guten und heiligen Gott rührt.

Gut und Böse sind auch mit den unvermeidlichen Folgen verknüpft, die sich für den Menschen aus seiner Einstellung zu Gut und Böse ergeben, weil er sich darin zugleich für Gott oder gegen Gott entscheidet: zu ewigem Heil oder Unheil.

So ist das größte Gut des Menschen: im Guten veharren und ewiges Heil in Gott, das größte Übel: im Bösen verharren und ewige Verdammnis.

Wir sollten nicht meinen, daß dieser Kampf zwischen Licht und Finsternis, zwischen Haß und Liebe für uns bereits entschieden sei. Jeder von uns, der sich ehrlich erforscht, muß sehen, wie tief das "Unkraut", die Saat des bösen Feindes, in ihm Wurzeln geschlagen hat und wie er eben keineswegs immun ist gegen die Ansteckung durch die "Weltbeherrscher dieser Finsternis". Nein, der Krieg geht weiter, in all seiner Härte und Heimtücke, solange wir leben.

Bedenken wir recht: es ist etwas Ungeheuerliches, daß der Mensch, das begrenzte, endliche, in allem abhängige Geschöpf einem unendlichen überlegenen Gott gegenübersteht, den er in Ehrfurcht und Hingabe anerkennen und anbeten soll, dem er sich aber auch, wie die Engel, wie jede geschaffenen Person, verweigern kann, indem er sich gegen ihn entscheidet: diese Urmöglichkeit ist ihm gegeben.

Es ist ihm möglich, sich selbst vorzuziehen, sein eigenes Glück, seine eigene Befriedigung, seine eigene Lust und Macht und Ehre, und Gott, der ihn an seinem Glück zu hindern scheint, während er ihn tatsächlich nur an der Vergötzung des eigenen Ich in Begehrlichkeit und Stolz hindert, zu vernachlässigen, abzulehnen, zu beneiden, schließlich sogar zu hassen. So kann jeder geschaffene Geist in einem nur der göttlichen Allwissenheit ganz offenbaren Geheimnis sich gegen Gott und sein eigenes wahres Glück wenden.

Wir müssen uns klarmachen, wie tief dieser Kampf geht und wie allseitig er uns in Anspruch nimmt. Denken wir etwa an den höchsten guten Akt, den wir setzen können, den der Liebe zu Gott, und an all das, was ihm widerstreitet in uns: an Eitelkeit, an Ruhmsucht, an Hichmut, an Stolz, oder an Gleichgültigkeit, an Undankbarkeit gegen den uns unendlich liebenden Gott.

Oder denken wir an das andere Grundgebot, das der Nächstenliebe - wir sehen, wie seine Erfüllung von tausend Gefahren bedroht ist. Wir könnten auch im einzelnen die Zehn Gebote oder die drei übernatürlichen Tugenden durchgehen, um zu erkennen, welche Scharen von Feinden, welche Schwaden von Verlockungen in uns gegen sie zum Kampf antreten und wie sehr diese Mächte in der Welt herrschen - Christus sagt ja nicht umsonst, daß Satan der Fürst dieser Welt ist.

"Ich habe den guten Kampf gekämpft", sagt der hl. Paulus am Ende seines Lebens (2 Tim 4,7), den guten Kampf, den jeder Christ bestehen muß. Ziel diese Kampfes ist das Suchen und Festhalten der Wahrheit, die Erfüllung "jeglicher Gerechtigkeit", des sittlichen Guten, und dadurch die Rettung des Menschen, die zwar durch Gott geschieht, aber nicht ohne unsere Mitwirkung.

"Der dich geschaffen hat ohne dich, rechtfertigt dich nicht ohne dich", sagt Augustinus. Aber alles das gipfelt in der Verherrlichung Gottes, und darauf vor allem mußalles Ringen und Kämpfen unseres Lebens gerichtet sein, wie denn auch das in der Kirche fortdauernde Opfer Christi zuerst und über allem der Verherrlichung Gottes dient.

Für den "modern" empfindenden Menschen dürfte hier ein Hinweis nicht unangebracht sein. Die Forderung nach der Verherrlichung Gottes entspringt in keiner Weise einer Art "Selbstsucht" oder "Ruhmsucht" Gottes; sie wurzelt vielmehr in der metaphysischen Grundbeziehung des "Gebührens".

Wie schon einem hohen Kunstwerk Bewunderung und edlen Menschen Achtung und Liebe gebühren, auf Grund ihres Wertes, ihrer in sich ruhenden Kostbarkeit, so gebührt es est recht und über allem Gott, dem unendlich Guten und Urquell alles geschöpflich Guten, "alle Ehre und Herrlichkeit", Anbetung und Liebe "über alles".

Ferner: Nur, wenn wir diesen ersten Zweck und Sinn der Schöpfung, die Verherrlichung Gottes, frei vollziehen, können wir durch Gott "belohnt" und beseligt werden; wie denn schon das Glück menschlicher Liebe voraussetzt, daß wir den andern in Ehrfurcht anerkennen und um seiner selbst willen lieben. (1)

Der böse Kampf des Teufels und seiner Helfershelfer, zielt auf die Unterdrückung der Wahrheit, die Entmutigung und Verzweiflung an der Wahrheit, auf den Sturz des Menschen in die Sünde und richtet sich letzten Endes gegen die Verherrlichung Gottes.

So nimmt es nicht Wunder, wenn er sich mit aller Kraft gegen das Zentrum der Verherrlichung, des Lobes, der Danksagung wendet, gegen die hl. Eucharistie. Wenn der Teufel es fertig brächte, durch Verführung zu Unglauben, Gleichgültigkeit, Entweihung, Blasphemie dieses unsagbare Geheimnis der Liebe und der Verherrlichung Gottes sozusagen in sein Gegenteil zu verkehren, dann wäre der letzte Sinn des Universums überhaupt getroffen.

Wir sehen deshalb auch, wie wenig wir mit einem "humanistischen" Marxismus zusammengehen können, denn sein (übrigens nicht nur sein) Humanismus gipfelt ja im Menschen; sein Ideal ist eine Menschheit, die ihren inn in sich selber trägt, aus der also der wahre letzte Sinn vollkommen eliminiert ist.

Und wenn es wirklich eine rein "humanitäre" Gesellschaft geben könnte, eine im bloß-menschlichen Sinn perfekte Welt (es wird sie nie geben!) - sie wäre unbedingt abzulehnen.

Wir sollten also den guten Kampf rückhaltlos kämpfen, allem Bösen und Falschen, aber auch allen letztlich unmöglichen Kompromissen zwischen "Gott und dem Mammon" widersagen, mögen wir selbst auch noch so geneigt sein, wenigstens hier und da Kompromisse zu schließen.

Jeder Kompromiß, jede noch so harmlos scheinende Verwischung der elementaren Gegensätze nutzt nur dem "Vater der Lüge", dem "Menschenmörder von Anbeginn". "Seid also wachsam" - nicht umsonst trifft uns diese Mahnung in so vielen Variationen im Wort des Herrn und der Apostel. Es ist wahrhaftig "Zeit, vom Schlafe aufzustehen" und wachen Geistes sich in den Kampf zu werfen, wo immer wir gefordert sind.


(1)  vgl. Dietrich von Hildebrand: Ethik, Kap. 18: "Die Beziehung des Gebührens"

Fortsetzung folgt


Prof. Josef Seifert: Der kämpfende Mensch ( Teil 1)    (bitte HIER klicken!)
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Über den Philosophen Josef Seifert (geb. 1945) bei wikipedia (bitte HIER klicken!)


 (Hervorhebungen durch Administrator) 
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