Montag, 12. Dezember 2011

Die Wahrheit - und die Liebe

J. Maritain (Bildquelle)
Wahrheit und Liebe - wie vertragen die sich denn miteinander? In der Praxis des Alltags macht das uns armenTeufeln oft nicht geringe Schwierigkeiten (...). Im Prinzip jedoch ist die Eintracht zwischen beiden das Normalste, was es gibt.

Die Liebe hat es mit Personen zu tun, die Wahrheit mit Ideen und mit der Wirklichkeit, die von ihnen dargestellt wird. Eine vollkommene Liebe gegenüber dem Nächsten und eine vollkommene Treue gegenüber der Wahrheit vertragen sich nicht nur, sie gehören sogar eng zusammen.

Je tiefer die Liebe ist, desto mehr fühlt sich jeder gehalten, im brüderlichen Gespräch ohne Abschwächung und ohne Schönfärberei zu erklären, was er für wahr hält; sonst würde er nicht nur der Wahrheit, wie er sie sieht, Unrecht tun, sondern auch der geistigen Würde des Nächsten.

Und je freier ich behaupte, was ich für wahr halte, desto mehr muß ich den lieben, der es leugnet. Ich habe nur dann dem Nächsten gegenüber die Toleranz, die von der brüderlichen Liebe gefordert wird, wenn ich sein Existenzrecht, sein Recht, die Wahrheit zu suchen und sie gemäß der Einsicht, über die er verfügt, zum Ausdruck zu bringen und stets im Einklang mit seinem Gewissen zu handeln und zu reden, anerkenne und respektiere. Und zwar gerade in dem Augenblick, wo dieser liebenswerte Starrkopf von Nächstem mir so beschränkt vorkommt, weil er sich gegen die Wahrheiten wendet, die mir am meisten am Herzen liegen.

Natürlich wird es für mich schmerzlich sein, wenn ich meinen Nächsten, den ich wahrhaft liebe, von der Wahrheit, die ich erkennen darf, ausgeschlossen sehe. Denn schließlich muß ich die Wahrheit über alles lieben und meinen Nächsten wie mich selbst.

Wenn der Nächste irrt, welcher Schaden für ihn und welcher Schaden für die Wahrheit! Wie sollte man nicht darunter leiden! Aber gerade darin liegt der innere Reiz des brüderlichen Gesprächs.

Andererseits entartet es völlig, wenn die Furcht, dem Nächsten zu mißfallen, meiner Pflicht, die Wahrheit zu sagen, die Waage hielte. Ich werde ihm auch damit gar keinen Kummer bereiten, wenn ich ihm von Herzen jene Gefühle entgegenbringe, die ich ihm schuldig bin.

Mißtrauen wir den Dialogen, wo jeder vor Freude außer sich gerät, wenn er die Ketzereien, die Gotteslästerungen und das Geschwätz der anderen anhört. Das sind keine brüderlichen Dialoge. Es ist nicht ratsam, "lieben" mit "zu gefallen suchen" zu verwechseln.


Jacques Maritain (1882 - 1973) in: Der Bauer von der Garonne - Ein alter Laie macht sich Gedanken; AD 1969 (s. Quellen)
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