Samstag, 17. Dezember 2011

Das Eigentliche der Weihnachtsbotschaft

von P. Bernward Deneke FSSP

Es gehört inzwischen zum festen Ritual der vorweihnachtlichen und weihnachtlichen Zeit: Alle Jahre wieder treibt die Geschäftswelt die Verkitschung und gnadenlose Kommerzialisierung des Festes auf die Spitze, und alle Jahre wieder lassen die Kritiker solchen Tuns ihre nachdenkliche Stimme vernehmen, bedauern die hohle Veräusserlichung, den geschäftssüchtigen Missbrauch und ermahnen uns, doch in dem ganzen Trubel bitteschön die „eigentliche Weihnachtsbotschaft“ nicht zu vergessen. Das klingt gut. Kein gläubiger Mensch wird dem gewichtigen Wort seine Zustimmung verweigern können. Und doch stellt sich die Frage, ob diejenigen, die uns da zum Wesentlichen zurückrufen, uns auch Wesentliches über das Fest zu sagen haben. Was ist denn die „eigentliche Weihnachtsbotschaft“? 

Als Antwort bekommen wir oft zu hören, es gehe an Weihnachten zutiefst um den Frieden auf Erden. Schön und gut! Zwar lese ich sogar an Krippendarstellungen billigster Machart auf dem Schildchen zumeist noch „Gloria in excelsis Deo“ – „Ehre sei Gott in der Höhe“, aber bekanntlich geht der Gesang der Engel über den Fluren Bethlehems tatsächlich weiter mit den Worten: „und Friede auf Erden den Menschen, die guten Willens sind“. Weihnachten hat also wirklich mit dem Frieden auf Erden zu tun.

Ich muss zugeben, dass mich die Antworten selten ganz befriedigen können. Wenn ich beispielsweise zu hören bekomme, diese Botschaft bestünde in Friede und Versöhnung und die gleichen, die solches verlauten lassen, sich aber nicht klar zum Geheimnis der Geburt des fleischgewordenen Wortes (Joh 1,14) aus der Jungfrau Maria bekennen wollen. Sie bleiben uns die Erklärung schuldig, warum wir denn ausgerechnet in diesen Dezembertagen, in denen doch auf den Straßen, in den Geschäften, den Betrieben und Vereinen so vieles geboten wird, Besinnung suchen sollen. Kann es nicht ebenso gut, nein: noch besser eine andere, ruhigere Zeit des Jahres sein? Und überhaupt: Worauf sollen wir uns besinnen? Darauf, daß „Gott uns in Jesus nahegekommen ist“, wie sich viele Theologen in verschwommener Rede auszudrücken pflegen? Als ob uns Gott nicht Tag für Tag in den Mitmenschen und in der Natur weitaus faßbarer begegnete als in einem vor 2000 Jahren irgendwo – nur nicht in Bethlehem und aus einer Jungfrau – geborenen Menschenkind!

Nachdem uns namhafte Theologen längst aufgeklärt haben, Jesus sei weder in Bethlehem noch von einer Jungfrau geboren worden, Er habe weder Tote auferweckt noch eine Kirche gegründet, und die Sache mit der Auferstehung sei ohnehin nicht historisch gemeint, habe ich ehrlich gesagt volles Verständnis für alle diejenigen, die Abschied von jeder adventlichen Besinnlichkeit nehmen, sich lieber in den vorweihnachtlichen Rummel stürzen und ihr feuchtfröhliches Festchen feiern. Das ist wenigstens einigermaßen schriftgemäß, gilt doch (frei nach Isaias und Paulus): Wenn dieses Kindlein nicht wahrhaft der Sohn Gottes ist, unser Herr und Erlöser, „dann laßt uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.“ (Is 22,13 / 1 Kor 15,32)

Bleibt uns als Argument für ein gewisses weihnachtliches Innehalten vielleicht noch die Tradition, die schöne alte Tradition: Was wäre das Jahr ohne Adventskranz und -kalender, ohne beleuchtete Fenstersterne und Tannenbäume, ohne Weihnachtsgebäck und Krippe, ohne Christmette, „Stille Nacht, heilige Nacht“ und vielleicht sogar Bachs Weihnachtsoratorium? Alle diese Dinge gehören doch zu unserer Kultur und kommen nur dann zur Geltung, wenn der Rahmen einigermaßen stimmig ist, wenn also ein Rest weihnachtlicher Beschaulichkeit dem allesverschlingenden Rachen des Kommerzes entrissen werden kann. Was würde denn aus unserem vielbeschworenen abendländisch-christlichen Wertesystem ohne den wichtigen Bezugspunkt „Weihnachten“?

Aber nein, auch die Berufung auf Tradition, Kultur und christliche Werte wird dort zur Totenbeschwörung, wo man nicht die Quelle, den Inhalt und das Ziel von alledem bejaht. Denn die authentischen Bräuche für Advent und Weihnacht, die großen und kleineren Kunstwerke, die für diese Zeit geschaffen wurden, verkünden und bezeugen, preisen und feiern doch immer nur die eine Tatsache: „Heute ist uns in der Stadt Davids der Heiland geboren, der Messias, der Herr – ein Kindlein, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend!“ (Lk 2,11f) An der Entscheidung zwischen gläubigem Ja oder ablehnendem Nein gegenüber dieser Botschaft hängt letztlich das Weihnachtsfest. Mit einem „Jein“, das die Wahrheit vom menschgewordenen Gottessohn nicht als historische Tatsache annehmen, aber dennoch eine allgemeinmenschliche „Bedeutsamkeit“ des Weihnachtsfestes beibehalten will, ist uns nicht geholfen. Es entpuppt sich nur zu schnell als Flucht des bindungsängstlichen Menschen vor allzu konkreter Verbindlichkeit ins Unverbindliche.

Wer aber sein Ja zur Inkarnation, zur Fleischwerdung des göttlichen Wortes, gesprochen hat, der versteht wie von selbst, weshalb angesichts dieser Wahrheit Besinnlichkeit statt gehetzter Umtriebigkeit und lärmenden Trubels am Platze ist. Der Gehalt des Weihnachtsgeheimnisses drängt sich uns eben nicht auf wie die lautstarken Parolen politischer Propaganda, wie die grellen, aufreizenden und provokanten Werbeplakate an den Straßen oder die bunt flimmernde Bilderwelt auf den Monitoren der Supermärkte. Wir bedürfen zur Betrachtung der Weihnachtsbotschaft in ihren großen Zusammenhängen und kleinen Einzelheiten vielmehr ganz entschieden der Stille.

Ja, es sind bewegende Zusammenhänge, die sich unserem Geist auftun, wenn wir das Geheimnis der Geburt des Gottessohnes betend bedenken. Wir erkennen, wie der „eingeborene Sohn, der seit Ewigkeit im Schoß des Vaters ruhte“ (Joh 1,18), sich in den jungfräulichen Schoß Mariens begeben hat; wie Er aus diesem heraustrat, um durch Leiden und Tod in den Schoß der Erde einzugehen, dem sterbenden Weizenkorn gleich, das reiche Frucht bringt (Joh 12,24); wie sodann der verklärte Herr in den Schoße Seiner Kirche eingeht, wo Er als Lehrer, als Hirte und als Priester insbesondere in den heiligen Sakramenten gegenwärtig bleibt; und wie Er schließlich in unser Inneres, gleichsam den Schoß unseres Herzens, kommen will, uns mit Seiner Gnade zu erfüllen und am Ende heimzuholen in den Schoß des Vaters. Weihnachten ist eine wesentliche Station auf diesem Weg „von Schoß zu Schoß“!

In unseren durch die historische Bibelkritik verunsicherten Tagen spricht man oft lieber von der mystischen Gottesgeburt im Menschenherzen als von der geschichtlichen Christgeburt in Bethlehem. Gerne führt man dazu den Vers des Angelus Silesius an: „Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren,/ und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.“ (Cherubin. Wandersmann I 61) So richtig das Wort des Dichters ist, so verfehlt wäre es, die eine Geburt gegen die andere ausspielen zu wollen, als wäre das Kommen des Gottessohnes im Fleisch für Sein Kommen in unser Herz unerheblich. Vielleicht müßte man heute, im Zeitalter der aktualisierenden Bibel-“Übersetzungen“, auch einmal Hand an Angelus Silesius legen und den Sinnspruch so umwandeln, daß deutlich wird, wie sehr das göttliche Leben in der menschlichen Seele die Wahrheit der Weihnachtsbotschaft voraussetzt, wie also unser Heil ohne die Geburt Jesu eine Illusion ist. Mein Vorschlag: „Und wäre Christus nie in Bethlehem geboren - auch nicht in dir! Und du bliebst ewiglich verloren.“

Aufrufe gegen den banalen Advents- und Weihnachtstrubel, Ermahnungen zu Stille und Besinnlichkeit, um „das Eigentliche der Weihnachtsbotschaft“ nicht zu vergessen, in Ehren: Sie sind nur dann ernstzunehmen, wenn sie aus dem Glauben an den fleischgewordenen Logos hervorgehen. Denn das Eigentliche der Weihnachtsbotschaft ist nichts anderes als die Tatsache der Geburt des Gottessohnes aus der Jungfrau Maria. Ohne sie kein Weihnachten.

Gerade daraus aber ergibt sich, wie sehr wir der Beschaulichkeit bedürfen, um jenes Wort und Licht, das die Weihnacht durchtönt und erhellt, aufnehmen zu können. Unsere Innenwelt soll jener Nacht ähnlich werden, die der Introitus des Sonntags nach Weihnachten besingt: „Als tiefes Schweigen alles umfangen hielt und die Nacht in ihrem Lauf die Mitte ihres Weges erreicht hatte, da kam, o Herr, Dein allmächtiges Wort aus den Himmeln von königlichen Thronen herab.“ (vgl. Weish 18,14f., Vulg.). Ja, auch in uns will und wird sich das Geschehen der göttlichen Herabkunft ereignen, wenn wir in tiefem Schweigen auf das Wort Gottes harren und uns im nächtlichen Dunkel der Seele danach sehnen, vom Licht aus der Höhe durchstrahlt zu werden. Und dann wird wahrhaft Weihnachten sein, Geburt Jesu in der Krippe und in unseren Herzen.
 

Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)
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