Donnerstag, 1. September 2011

Cathedra und Katheder

von
Joseph Kardinal Höffner, (damaliger) Erzbischof von Köln 

aus:
Unbehagen an der Kirche?


Zehnte Frage:

Muss die Zusammenarbeit zwischen dem kirchlichen Lehramt und der theologischen Wissenschaft zum Nutzen der Glaubensvertiefung und Glaubensverkündigung nicht beträchtlich verstärkt werden?

Antwort:

Diese Frage ist uneingeschränkt zu bejahen. Papst und Bischöfe sollen sich, wie das Zweite Vaticanum sagt, um die "rechte Erhellung und angemessene Darstellung" der Glaubenswahrheiten "mit geeigneten Mitteln" eifrig mühen (LG 25). Dabei mag die theologische Wissenschaft einen unverzichtbaren Dienst zu leisten; ist es doch Aufgabe, "auf eine tiefere Erfassung und Auslegung der Heiligen Schrift hinzuarbeiten, damit so gleichsam auf Grund wissenschaftlicher Vorarbeit das Urteil der Kirche reift" (DV 12).

Dennoch darf man kirchliches Lehramt und theologische Wissenschaft nicht miteinander verwechseln. Garant der Wahrheit des Glaubens ist die Cathedra des heiligen Petrus, nicht der Katheder des Professors. Diese Erkenntnis ist besonders heute wichtig, da in der Öffentlichkeit vielfach nicht zwischen katholischen und nichtkatholischen Gelehrten unterschieden wird und leider auch nicht mehr alle katholischen Theologieprofessoren in wichtigen Glaubensfragen einer Meinung sind, wenn auch jene, die abweichen, nur eine kleine Minderheit darstellen.

Nicht selten wird versucht, die Vielfalt der einander widersprechenden Meinungen mit dem Modewort vom theologischen "Pluralismus" verständlich zu machen. Es hat in der Kirche zu allen Zeiten verschiedene theologische Richtungen gegeben, die den einen und selben Glauben auf verschiedene Weise auszulegen versuchten, zum Beispiel die theologischen Schulen der Franziskaner, Dominikaner, und Jesuiten. Das ist berechtigt und bei der unergründlichen Tiefe der Glaubensgeheimnisse, mit denen sich die Theologie befasst, verständlich.

Jedoch darf die Verschiedenheit der Auslegung nicht soweit gehen, dass die vom kirchlichen Lehramt in einer endgültigen Entscheidung als letztverbindlich verkündigten Glaubens- und Sittenlehren geleugnet, oder umgedeutet und verfälscht werden. Würde der Pluralismus sich nicht mehr an das Urteil des kirchlichen Lehramtes gebunden wissen, so stünde er außerhalb der Kirche.


Foto: Père Igor, Saint-Pantaly-d'Ans, Dordogne, Frankreich

 (Hervorhebungen durch Administrator)
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