Freitag, 16. September 2011

Gewissen und Wahrheit - Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor?

(Nur irgendwie anders...)
Peter Seewald im Gespräch mit Kardinal Ratzinger:
  
"Sind Sie ein Mann des Gewissens?

Thomas Morus (1801-1890)
Ich versuche es zu sein. Ich wage nicht zu behaupten, daß ich es bin. Aber das scheint mir schon ganz wichtig, daß man nicht die Billigung oder auch das nette Gruppenklima über die Wahrheit stellt. Das ist immer eine große Versuchung. Natürlich kann der Gewissensappell in Rechthaberei umschlagen, daß man glaubt, in allem dagegen sein zu müssen. Aber im richtigen Sinn verstanden ist ein Mensch, der auf das Gewissen hört und für den dann das Erkannte, Gute über der Billigung und der Akzeptanz steht, für mich wirklich ein Ideal und eine Aufgabe. Und Gestalten wie Thomas Morus, Kardinal Newman und andere große Zeugen – wir haben die großen Verfolgten des Naziregimes, zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer – sind für mich große Vorbilder.

Allerdings, so haben Sie einmal festgehalten, müsse ein solcher Mann »den Vorrang der Wahrheit vor der Güte« betonen. Keine ungefährliche Einstellung, denke ich. Würde dies nicht dem Bild des Großinquisitors entsprechen, wie Dostojewski es gezeichnet hat?

John Fisher (1469-1525)
Da muß man natürlich schon den ganzen Kontext lesen. Güte ist da im Sinn einer falschen Gutmütigkeit verstanden, »ich will keinen Ärger haben«. Das ist eine Einstellung, die es sehr häufig gibt, die gerade auch im politischen Bereich zu beobachten ist, daß man »es sich nicht verderben« will. Bevor man Ärger schafft und Ärger hat, ist man lieber bereit, auch Falsches, Unlauteres, Unwahres, Ungutes in Kauf zu nehmen. Man ist bereit, sich Wohlbefinden, Erfolg, öffentliches Ansehen und Billigung von seiten der herrschenden Meinung durch den Verzicht auf Wahrheit zu erkaufen. Ich wollte mich nicht gegen Güte im allgemeinen wenden. Wahrheit kann nur mit Güte überhaupt erfolgreich sein und siegen. Was ich meinte, war eine Karikatur der Güte, die aber doch ziemlich verbreitet ist. Daß man unter dem Vorwand der Güte das Gewissen vernachlässigt; daß man die Akzeptanz und Vermeidung von Ärger, das bequeme Weitergehen, das Gutangesehensein und das Gutmütigsein der Wahrheit überordnet.


aus:  Joseph Kardinal Ratzinger, Salz der Erde, Christentum und katholische Kirche an der Jahrtausendwende; Ein Gespräch mit Peter Seewald; s. Quellen
(Hervorhebungen durch Administrator) , Fotos: Lawrence OP 

 
Dazu empfehle ich ein hervorragendes, kurzes aber kerniges Posting des Philosophen Josef Bordat (JoBo72), das man, wie ich finde, unbedingt gelesen haben sollte (vor allem unsere lieben Politiker sollten es zur Kenntnis nehmen): 

Der kleine Unterschied - zum Thema Kirche und Politik
darin heißt es z.B.:

"Sie (Anm.: die Kirche) hat ein Menschenbild und zieht daraus ethische Konsequenzen, die zu einer Morallehre werden, die für jeden, der Kirchenmitglied ist, verbindlich ist."

"Die Kirche aber hat eine Morallehre, die nicht in die polis durchgreift (und das auch gar nicht beabsichtigt), sondern nur für diejenigen gültig ist, die Mitglied der Kirche sind."

"Dass die Kirche ihre Lehre für wahr hält, dürfte dagegen nicht verwundern, denn wenn man etwas glaubt, sollte man es zumindest für wahr halten und nicht für falsch..."

"Dass die Kirche ihre Wahrheit nach außen auch entsprechend als Wahrheit vertritt, sollte daher auch nicht verwundern. Aber die Kirche zwingt Niemanden, sich an ihre Lehre zu halten, noch nicht einmal die eigenen Mitglieder." 


(Hervorhebungen durch Administrator)
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